Mike Merrill ist eine Firma und überlässt jede Lebensentscheidung Investoren

„50 Shades of Grey“ mit mehr Sex

Wenn man ein wenig mit Merrill spricht, dann versteht man, dass er längst keinen Unterschied mehr macht zwischen der Kunstfigur KmikeyM und dem, was man als Privatperson bezeichnen würde. Er will es gar nicht. Er ist davon angetrieben, es immer wieder spannend zu machen, seinen Aktionären und vor allem sich selber. So wie sich große Konzerne auf die Fahne schreiben müssen, dass sie permanente Innovation leben, ist auch Merrill davon beseelt, immer wieder Neues zu bieten. Für ihn ein natürlicher Drang: Vor seiner Zeit als gehandeltes Gut war er einer der allerersten Blogger, schlappte dann und wann mit blau gefärbten Haaren und Pfeife im Mund durch die Gegend und versuchte sich im frühen Internet mit Unternehmen, die gemeinnützig sein sollten, bis er sich irgendwann im hippiesken Portland den smarten Anzuglook zulegte: „Business Cosplay“, sagt er jetzt dazu.

Das Versprechen, immer wieder andere Projekte zu verfolgen, führt auf eigenartige Pfade. Derzeit lässt Merrill von einer Ghostwriterin (einer Collegeprofessorin, die „unbedingt anonym bleiben will“) einen erotischen Roman schreiben. „Publicly Traded, Privately Held“ heißt das Großwerk, eine Art „50 Shades of Grey“ mit mehr Sex. Clou: Die Handlungspfade werden von seinen Aktionären bestimmt. Je mehr Aktien man besitzt, desto mehr Macht hat man, wenn es darum geht, ob Hauptfigur Mike in der Geschichte am Abend mit der Sekretärin nach Hause geht oder in der Bar bleibt. Im April nächsten Jahres soll es erscheinen. Als Reaktion darauf hat der Comedian Jason Bateman Interesse bekundet, aus Merrills Leben einen Film zu machen. Genug Stoff gäbe es.

Merrill ist jetzt auf dem Sprung raus, er will am Abend jemanden treffen, der eine Idee für eine Datingplattform hat. Konzept: Man wird mit Menschen gematcht, die ähnliche Waren im Amazon-Warenkorb haben. Arbeitstitel: „Funnel of Love“. Er muss selber lachen.

2016 bestimmten 59 Prozent der Anleger, dass Merrill ein Drttel weniger Koffein zu sich nehmen soll. Foto: Jaclyn Campanaro

Die Körperschaft Mike Merrill: Wahrscheinlich für immer

Wie lange soll das noch gehen, das alles? Er sagt: Wahrscheinlich für immer. Der Moment, um die ganze Sache abzubrechen, ist schon lange verstrichen. Denn Merrill kann sich nicht vorstellen, seine Anleger zu enttäuschen, indem er einfach aufhört. „Es kommen ja ständig Neue hinzu, die mitmachen wollen. Die kommen mit ihrem Geld rein, sind ganz aufgekratzt und wollen die Abstimmungen in eine bestimmte Richtung biegen.“ Das Spiel geht also immer weiter, und Merrill will den Leuten mehr davon geben. Das Prinzip soll nicht langweilig werden. So wird es noch mehr Abstimmungen geben, die noch kleinere Entscheidungen betreffen. „Das ist es, was sie vor allem wollen“, sagt er. Derzeit tüftelt er ein System aus, das von der binären Ja-nein-Methode abrückt und mehrere Möglichkeiten zulässt. Merrill denkt nach: „Ich könnte mir für das Ende nur vorstellen, dass es mit demselben Spirit aufhört, wie es angefangen hat.“ Für ihn kommt eigentlich nur eine feindliche Übernahme in Betracht: dass ein anderes Unternehmen kommt und Merrill einfach kauft. „Oder“, sagt er, „dass ich sterbe.“ Tritt dieser Fall ein, werden den Investoren ihre Anteile zurückgezahlt. Dann wäre das Spiel natürlich für immer vorbei.

Aber jetzt ist er ja erst mal am sonnigen Pazifik. Und der Umzug nach Los Angeles stellte sich für Merrill allem Ärger mit den Anlegern zum Trotz als solide Entscheidung heraus: Hier hat er vor Kurzem seinen ersten offiziellen Zukauf getätigt, ihm gehört jetzt die Nachrichtenseite Snacker.news. Vielleicht hat er als Medientycoon ja am Ende mehr Glück als Vorbild Jean-Marie Messier. Auch mit dem neuen Job läuft es sehr gut. Denn noch vor dem ersten Arbeitstag hat sein neuer Chef gleich 50 Aktien von KmikeyM gekauft. Einen größeren Vertrauensbeweis für Mike Merrill kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen.

 


Alexander Langer

Alexander ist Redakteur bei Business Punk, wo er vor allem den Teil Play Hard betreut. Vorher hat er sich durch den Berliner Startup-Dschungel gehangelt, war außerdem bei 11Freunde. Noch weiter davor tausend Jobs, von denen er dir gerne mal ausführlich erzählt, wenn du nicht aufpasst.

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