Weihnachtsfeier is coming: Drei mögliche (Schreckens-)Szenarien

Alle Jahre wieder – dackeln wir zur Betriebsweihnachtsfeier. Die einen erwarten ein opulentes Zeremoniell, in dem sie sich ein letztes Mal als mondäne Kollegen inszenieren können. Die anderen bekommen allein bei der Vorstellung Brechreiz. Das Drama ist vorprogrammiert, dabei sind es immer die gleichen drei Muster.

Variante eins: Du bist zu nüchtern

Es ist absolut legitim im Land des allgemein anerkannten Trinksturzes eine Außenseiter-Null-Promille-Strategie zu fahren. Nur: Wird diese Strategie auch von Erfolg gekrönt sein? Zweifel sind durchaus angebracht, denn spätestens nach dem Essen verwandelt sich der nüchterne Kollege in ein leicht auszumachendes Smalltalk-Opfer. Gestärkt von schwerem Rotwein, und ein paar Shots an der Bar, pirscht sich der an 364 Tagen auffällig zurückhaltende Kollege aus der Buchhaltung an das Freiwild heran, um es nie wieder aus seiner Gewalt zulassen. Privates, allzu delikat-Privates landet dabei auf den Tisch, ohne dass wir es bestellt haben. Ja, Betriebsgenosse Buchhaltung hat ein schweres Jahr hinter sich – natürlich zeigen wir Empathie, aber der Nonstop-Monolog unseres angetrunkenen Kollegen ist dann doch eine Prise Redseligkeit zu viel. Wir nippen genervt an unserer Schorle, während er uns in lallenden Worten mitzuteilen versucht, dass wir schwer in Ordnung sind. Danke. Nächstes Jahr gibt es dann wieder eine Ladung Schnaps, um diese Tortur durchzustehen oder man verabschiedet sich gleich in den Resturlaub. Schöne Grüße vom Strand ihr Loser.

Variante zwei: Du bist zu betrunken

Jedes Jahr tappen Mitarbeiter zwischen Flensburg und Konstanz, Bocholt und Görlitz in die gleiche Falle: Sie frönen naiv wie Vierzehnjährige beim ersten Rausch den alkoholischen Genüssen. Sie tun das aber nicht altersgerecht heimlich hinter der Sporthalle, sondern schön blöd bei der betriebseigenen Weihnachtsfeier. Vor dem ersten Gang wandern bereits die ersten Gläser Sekt in die Hände, um rasch in Stimmung zu kommen. Dann zum Hauptgang schraubt man sich per Wein oder Bier in den Promille-Olymp. Erhebt sich der Chef oder die Chefin nach dem Hauptgericht zum obligatorischen Jahresrückblick, ist es um einen geschehen: Der Blick wird fahrig, die Aussprache einsilbig – das eigene Kontroll-Ich, das Protegé unserer Persönlichkeit, geht langsam aber sicher flöten. Die Weihnachtsfeier verwandelt sich in einen schizophrenen Ort zwischen kollektivem Beichtstuhl und Tinder-Premium in Echtzeit. Der harte Kern zieht später weiter – und wie jedes Jahr erweist sich der Tag danach als gefühltes Armageddon. Mit ausborgender Scham versuchen wir den gestrigen Abend zu rekonstruieren, aber es bleibt hoffnungslos: Etliche Filmrisse erschweren den Wiederaufbau Ich. Ach, was soll’s. Im neuen Jahr suchen wir uns eben einen neuen Job – also theoretisch.

Variante drei: Du bist der/die Chef/in

Als Führungskraft steht man über den Dingen, muss sich aber spätestens bei der Weihnachtsfeier zum niederen Volk der Angestellten herablassen. Man sieht sich gezwungen, zu jedem, wirklich jedem Mitarbeiter, eine kurze menschliche Beziehung für die Dauer eines Vieraugengesprächs aufzubauen. Darauf hat natürlich kein CEO, Teamleiter oder sonst was Lust – und dass sei ihnen ausdrücklich zugestanden. Denn warum sollte der bosstransformierte Mensch mit jedem im Unternehmen dicke sein? Das können nur halbstarke Personaler von einem verlangen. Aber für ein Scharmützel mit dem HR ist es jetzt zu spät. Der/Die Chef/in muss liefern – ausnahmsweise als sympathischer, mitfühlender Mensch. Und das kann gehörig nach hinten losgehen. Unangenehme, stille Augenblicke, die sich zwischen bleiernen Phrasen ausbreiten. Ein verlegener Blick, ein dicker Kloß im Hals – schrecklich. Für manchen Chef oder manche Chefin sind Weihnachtsfeiern der eigentliche Supergau. Sie offenbaren ein über das Jahr erfolgreich kaschiertes Defizit: den Mangel an Social Skills. Aber scheiß drauf. Am Ende des Abends ist man doch wieder ganz Chef-like und verabschiedet sich mit dem gleichen Überperformer-Habitus, den er oder sie jede KW an den Tag legt. Soll sich doch die Feel-Good-Managerin um all die Emo-Mitarbeiter kümmern. Wir sind raus.


René Krempin

René hat irgendwas mit digitalen Medien studiert, sollte also für die Zukunft bestens gewappnet sein. Nach mehreren anderweitigen, aber misslungenen Berufsorientierungen musste er endgültig einsehen: Journalismus ist und bleibt leider geil. In seiner Freizeit verbringt er am liebsten jede Minute auf dem Bolzplatz.

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