In einer Welt voller SXSW-Versprechungen

Wie sähe unser Leben aus, wenn die Trends der diesjährigen SXSW schon stinknormaler Alltag wären? Unser Autor beschreibt ein mögliches Szenario.

Wie jeden Morgen weckt mich Cora um die gleiche Uhrzeit. Mit ihrer sanften, einfühlsamen Stimme macht sie mir das Aufstehen um einiges erträglicher. Cora ist kein Mensch. Sie ist eine intelligente Maschine, ein sogenannter Sprachassistent. Für mich ist Cora viel mehr als das. Sie ist eine Art drittes Elternteil – nur in digital. Sie hört mir zu und hilft mir, mich im Alltag zurechtzufinden, sie erkennt an meiner Stimmlage oder an meinem Blick, ob ich Aufmunterung oder Ermahnung brauche.

Während ich mich aus dem Bett kämpfe, liest sie mir ein Inspiration Quote vor. Ich hatte es absichtlich für solche Tage angelegt, an denen es draußen grau und nass ist und mir das Aufstehen besonders schwerfällt. Das weiß Cora.

Home is where your KI is

Im Badezimmer brieft mich Cora für den anstehenden Tag: die wichtigsten Schlagzeilen sowie wichtige Termine im Büro. Danach startet sie die Early-Bird-Playlist. Per Sprachsteuerung manage ich noch Online-Banking sowie eine Reservierung in einem Restaurant.

Als ich bereits die Wohnungsschlüssel in der Hand habe und die Tür öffne, höre ich noch, wie Cora mir einen schönen Tag wünscht. Ich solle die Dinge entspannt angehen, mahnt sie. Ich rolle mit den Augen, so als hätte mir meine Mutter einen unnötigen Ratschlag gegeben.

Auf der Straße schwinge ich mich auf meinen E-Roller. Seitdem E-Scooter auch hierzulande zugelassen sind, gehören sie zum urbanen Mobilitätshybrid aus Car-on-Demand, Ridesharing, Öffis und dem guten alten Fahrrad.

Ich halte meine Smartwatch an den Lenker und entriegele damit das Gefährt. Los geht’s. Ich brause mit dem Roller zwischen den Fahrrad- und Autofahrern hindurch. Spezielle Wege für die E-Scooter gibt es bis heute nicht. Was es aber gibt: eine Helmpflicht. Nachdem es mehrere tödliche Unfälle gab, und einige Nutzer ihre E-Roller zu wahren Speed-Monstern umgerüstet hatten, wurde der Kopfschutz Pflicht. Mir ist es recht: Mein Kopf ist mein Kapital.

Das leitet gut zu meiner beruflichen Tätigkeit über. Kreative Arbeit ist die letzte Bastion, die uns Menschen vor der zunehmenden Automatisierung der Berufswelt noch schützt. Maschinen können vieles – Sinn und Relevanz definieren nicht.

Weed-Industrie

Seit einigen Jahren arbeite ich daher in einer Kreativagentur. „Wiedemann & Partner“ ist eine auf den anhaltenden Boom der Cannabis-Branche zugeschnittene Agentur. Nachdem die USA die Legalisierung sukzessive vorangetrieben und eine regelrechte Goldgräberstimmung entfacht hatten, erfasste die Euphoriewelle auch den alten Kontinent. In Deutschland erlaubte man zunächst Cannabis für medizinische Zwecke. Nach und nach wurden aber in der Gesellschaft Stimmen für eine komplette Freigabe laut. Produzenten, Lieferdienste, Boutiquen, Events, Lobbyisten – kurz: Eine ganze Industrie entstand aus dem Nichts. Selbst die Konservativen sind heute stolz auf „Cannabis made in Germany“.

Der Boom des Cannabis-Markts bedeutet für uns Dienstleister wiederum viel Arbeit. Und viel Arbeit bedeutet nicht selten viel Stress und langfristig ein gesundheitliches Risiko. Kopfzerbrechen bereiten mir aktuell aber andere Dinge.

Die Digitalisierung hatte, ganz abgesehen von ökonomischen Verwerfungen, auch für uns Menschen beträchtliche Konsequenzen. Der ständige Performance-Druck in den sozialen Netzwerken veränderte uns. Zu Tausenden strömten junge Menschen, und dazu zähle ich mich immer noch, in Selbsthilfegruppen. Die Diagnose lautete: digitale Isolation.

Mobbing, Depression und das Gefühl von Einsamkeit nahmen in meiner Generation immer mehr zu. Die digitalen Dienste vernetzten uns, sorgten aber auch dafür, dass wir vor unseren Geräten vereinsamten, ständig unter dem Zwang nichts verpassen zu dürfen. FOMO-Alert halt. Nur langsam lernen wir wieder, dass Likes auf Instagram nicht alles ist.

Deshalb gehe ich zweimal in der Woche nach der Arbeit zu einer Selbsthilfegruppe mit dem schönen Titel „Offline – leider geil“. Wäre nicht Cora, hätte ich schon längst die eine oder andere Therapiesitzung gegen einen Barbesuch eingetauscht. Aber sie ermahnt mich jede Woche daran teilzunehmen. Dann flitze ich mit meinem E-Scooter durch die vibrierende Stadt, in Gedanken schon wieder bei der nächsten Vermarktungsstrategie für ein Cannabis-Startup … ein ganz gewöhnlicher Tag in einem von der SXSW 2019 inspiriertem Leben.


René Krempin

René hat irgendwas mit digitalen Medien studiert, sollte also für die Zukunft bestens gewappnet sein. Nach mehreren anderweitigen, aber misslungenen Berufsorientierungen musste er endgültig einsehen: Journalismus ist und bleibt leider geil. In seiner Freizeit verbringt er am liebsten jede Minute auf dem Bolzplatz.

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