Regisseur Eugen Merher: “Die Grundtoleranz für gewagte Konzepte wird unterschätzt“

Der Regisseur Eugen Merher sorgt mit seinen Spots immer wieder für Aufsehen. Im Interview spricht er darüber, was gute Regiearbeit ausmacht und was ihm an Serien wie „Stranger Things“ gefällt.

Eugen, deine neueste Arbeit „Dark Red“ ist ein Social Spot zum Thema Blutkrebs. Darin verwandelt sich ein kleiner Junge, der an Blutkrebs erkrankt ist, in einen Vampir, um so an frisches, gesundes Blut zu kommen. War es dir wichtig, den Patienten nicht als Opfer, sondern als jemanden zu zeigen, der seine Erkrankung nicht tatenlos hinnimmt?

Auf jeden Fall. Das war der Ursprungsgedanke. Als Kind ist man ja nicht gerne das Opfer, sondern eher der Held. Deshalb verwandelt sich der Junge auch in einen Vampir. Das zu zeigen, war mir wichtig.

Eine Darstellungsweise, die zu diesem Thema unüblich ist. Patienten werden in der Regel eher passiv und hilflos gezeigt. In deinen Spot sieht man aber einen Superhelden.

In dem Fall einen Superbösewicht. Er hat bei seinen Taten ein schlechtes Gewissen, muss aber seiner Berufung folgen, weil ihm nichts anderes übrig bleibt. Er muss zum Vampir werden. Ich bin ein „Stranger Things“-Fan und ich finde es generell cool, wenn sich Kids in eine übernatürliche Richtung bewegen. Das Übernatürliche in einem realen Kontext finde ich sehr spannend.

In deinen Arbeiten setzt du viel auf emotionale Bilder, persönliche Geschichten. Mit dem Adidas-Spec Spot „Break Free“ bist du Anfang 2017 viral gegangen. In dem Film erzählst du die Geschichte eines alten Mannes in einem Altenheim. Dieser erinnert sich an seine Zeit als Marathonläufer. Wenn ein Werbespot ein Rezept wäre, aus welchen Zutaten müsste dieses bestehen, um beim Publikum Anklang zu finden?

Eine schwierige Frage. In erster Linie sehe ich mich als Filmemacher und meine Hauptaufgabe ist die Regie. Ob nun Werbung oder Spielfilm, es kommt für mich darauf an, eine coole Idee gut umzusetzen.

Wie sieht denn eine coole Idee aus?

Es geht darum, dass eine Idee oder vielmehr die Geschichte, die man erzählt, aus einer menschlichen Wahrheit herauskommt. Dass sich Menschen darin wiederfinden. Jeder kennt zum Beispiel Liebe und weiß wie diese funktioniert. Im Kern geht es darum, basismenschliche Emotionen zu treffen.

Die Idee muss also authentisch und menschlich sein. Steht oder fällt damit auch ein Spot und die Ausarbeitung ist zweitrangig?

Die Idee sollte immer auf menschlichen Wahrheiten beruhen. Die Ausarbeitung ist eine Frage des Genres. Eine traurige Geschichte kann zum Beispiel auch lustig erzählt werden. Klar ist aber: Die Ausführung ist immer produkt- und markenabhängig. Jede Marke hat ihre eigene Tonalität.

Zwischen Unternehmen und Kreativen besteht oft ein Konflikt: Der Kreative will maximale Gestaltungsfreiheit, die Unternehmen maximale Kontrolle. Wie können beide Parteien zusammenarbeiten, damit am Ende etwas Großes entsteht?

Im Idealfall müssen alle Seiten miteinander befreundet sein. Im Austausch miteinander muss man einfach ehrlich sein. Auch gegenseitiges Vertrauen ist wichtig. Bei den Strukturen, die ich bisher kennengelernt habe, ist das aber schwierig. Agenturen wollen ihre Kunden nicht verlieren, deshalb passen sie sich an. Der Kunde beziehungsweise Marketingleiter muss sich wiederum den Ansagen von oben im Unternehmen anpassen. Dabei entstehen viele Angstgebilde. Ich habe aber das Gefühl, dass viele Ängste oft unbegründet oder aufgebauscht sind.

Der Film ist nun mal ein sehr emotionales Produkt und du weißt nie, was am Ende genau dabei herauskommt. Oft wird dann versucht, den Prozess zu mathematisieren, weil natürlich viel Geld darin steckt.

Als Filmemacher würdest du dir wahrscheinlich wünschen, dass Unternehmen mehr Kreativität zulassen.

Ja, mehr Vertrauen in die Kreativen wäre gut. Bei dem Potenzial, was das Publikum verträgt, ist meiner Meinung nach noch sehr viel Luft nach oben.

Die Unternehmen unterschätzen die Toleranz ihrer Zielgruppe?

Ich kann natürlich nur für mich sprechen. Ich bin 28 und vertrage bestimmte Dinge, die Andersgestrickte und Ältere vielleicht nicht vertragen. Dennoch glaube ich, dass die Grundtoleranz für gewagtere Konzepte und Umsetzungsformen unterschätzt wird.

Eugen Merher ist Student an der renommierten Filmakademie Baden-Württemberg. In einem Jahr möchte er seinen Abschluss machen (Credits: Eugen Merher).

Gibt es einen Werbespot, der dir besonders gut gefallen hat – und wenn ja, warum?

Es gibt einige Spots, die ich cool finde. Es gibt zum Beispiel diesen Spot von Lacoste mit dem Titel „Big Leap“. Der Spot schafft es auf eine mainstream-mäßige Art eine große Emotion authentisch zu transportieren, ohne kitschig zu sein. Dagegen finde ich den Edeka-Clip „Heimkommen“ von 2015 heute super-emotional. Er ist gut gemacht, nur nach ein paar Jahren ist er mir dann doch etwas zu viel, zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt.

Würdest du also sagen, Emotionalität ist wichtig, aber man sollte auf die Dosis achten?

Wenn alles stimmt, kann man auch übertreiben. Je mehr du übertreibst, desto mehr musst du aber eine berechtigte Basis liefern – ansonsten wirkt es zu überzogen und es stößt ab. Je größer die Endemotion, desto schwieriger der Balanceakt. Die Szenen müssen so auserzählt werden, dass man am Ende mitgeht und sagt: „Wow, das ist ein großer Moment.“


René Krempin

René Krempin hat Kultur- und Medienwissenschaften studiert und über mehrere Stationen bei Print- und Online-Medien den Weg in die Agentur gefunden. Bei OSK arbeitet er als Online- und Social-Media-Redakteur. Mit großem Interesse verfolgt er unter anderem die Entwicklungen in der eSports-Szene. In seiner Freizeit ist er aber auch gerne analog unterwegs: mit Freunden auf dem Bolzplatz.

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